Notizen aus Georgien

Auf dem zentralen Freiheitsplatz in Tiflis ist der Hl. Georg, wie meistens damit beschäftigt, den Drachen abzustechen. Er ist der Nationalheilige Georgiens, und darum verwendet die georgische Flagge, wie die englische, das Georgskreuz - rotes Kreuz auf weißem Grund. Der Überlieferung nach

Der Hl. Georg als Nationalheiliger Georgienswar Georg ein Offizier der römischen Armee, der sich während der Christenverfolgung unter Diokletian weigerte, seinem Glauben abzuschwören und dafür 303 im heutigen İzmit hingerichtet wurde. Allgemeine Beliebtheit erlangte der Heilige aber nicht so sehr als Märtyrer sondern vor allem als Drachentöter. Doch dieser Teil der Legende kam erst 700 bis 800 Jahre später zur Hagiographie dazu. Wahrscheinlich passte es zum damaligen ritterlichen Zeitgeist, den Heiligen eine Jungfrau (woher wissen die das immer?) vor dem Ungeheuer retten zu lassen. Der Drachentöterzusatz ist eine archetypische Geschichte, in der der Held ein Volk von der Unterdrückung durch eine Bestie befreit, gerade in dem Moment, in dem ihr ein Opfer gebracht werden soll. Eine ältere Fassung dieses dramatischen Kerns liefert die griechische Sage von Perseus, der Andromeda vor der Seeschlange rettete. Georgs Tat sorgte dafür, dass die von der Unterdrückung Befreiten sich zum Christentum bekehrten. Perseus dagegen heiratete Andromeda und deren Geschichte nahm mit der Schlacht an der Hochzeitstafel erneut eine packende Wendung.

Blaulicht & Korruption

Dem Blaulicht nach immer im EinsatzAußerhalb der Städte ist die Polizei in vergleichsweise bullig wirkenden Fahrzeugen unterwegs, was der Kinderfänger vor dem Kühler noch unterstreicht. In den Städten wirken die Polizeiwagen weniger martialisch, aber Präsenz zeigt die Polizei immer und das nicht nur durch die Anzahl der Streifenwagen, sondern weil sie das Blaulicht nie abschalten. Dabei hat sich das Bild der Polizisten in der Öffentlichkeit grundlegend gewandelt. Nach der Unabhängigkeit von der Sowjetunion 1991 nahm die Polizei zunächst eine desaströse Entwicklung. So bürgerten sich unter anderem willkürliche Fahrzeugkontrollen ein, bei denen sich immer ein Grund fand, die Fahrer zur Kasse zu bitten. Die Regierung unter Saakaschwili nahm ab 2004 den Kampf gegen die Korruption auf. Es gelang, die alten Seilschaften zu zerschlagen, in dem speziell das Innenministerium personell entkernt wurde. Der Großteil der Leute musste gehen und wurde durch jüngere, vergleichsweise gut ausgebildete ersetzt, die auch besser entlohnt wurden. Eine weitere Absicht des radikalen Umbaus, die mit besonderer Betonung erzählt wird, war es auch, Bürokratie los zu werden: Behördengänge sollten nur noch fünfzehn Minuten dauern. Pass besorgen: 15 Minuten, Grundbucheintrag: 15 Minuten, Gewerbe anmelden: 15 Minuten. Dem Vernehmen nach soll das tatsächlich funktionieren. Der Umbau betraf auch die Polizei. Heute gilt sie nicht mehr als bedrohlich oder lästig sondern die Leute rufen die Polizei, weil sie Hilfe erwarten können.

Wein & Rausch

wie grün sind deine BlätterSpuren des Weinbaus in Georgien weisen angeblich 8000 Jahre zurück. Damit wäre die Weinkultur in Georgien fast so alt wie die archäologischen Funde am Gelben Fluss in China. Doch in China wandte man das Prinzip der Fermentation auf vieles an: Reis, Pflaumen, Honig - und Weintrauben waren nur ein weiteres Mittel, Alkohol herzustellen. Die Kultivierung der Weinrebe und mit ihr zusammen der Kult des Weins verbreitete sich dagegen im vorderen Orient und in Europa (z.B. Bacchanalien, Abendmahl, Karneval).

Als Jason mit den Argonauten nach Kolchis (an der Küste des heutigen Georgiens) kam, um das Goldene Vlies zu stehlen, hatte sich Wein in der hellenischen Welt schon verbreitet. Und nicht nur das: Zum Wein gehörte auch der Kult des Rauschs, wie das Ende des zur Mannschaft der Argo gehörenden Orpheus zeigt. Der Sänger, der mit seiner Stimme sogar die Steine betören konnte, verlor sein Leben durch ekstatische Bacchantinnen, die ihn bei lebendigem Leib zerrissen. Nebenbei: Als moderne Form der Bacchanalien kann der Karneval gelten.

Als Wiege der Weinkultur ist Georgien in Europa jedoch nicht präsent, was vor allem an der Verbindung zu Russland lag. Als sozialistische Sowjetrepublik produzierte das Land Wein im Wesentlichen für den nördlichen Nachbarn und diese Beziehung blieb auch über den Zerfall der Sowjetunion hinaus erhalten. Das änderte sich erst 2006 als die russische Regierung im Rahmen der politischen Spannungen zwischen den Ländern ein Importverbot für georgische Weine verhängte (was auch mit Qualitätsproblemen zu tun gehabt haben soll). Dieser Boykott zwang die Winzer in Georgien, sich nach neuen Absatzmärkten umzusehen, wozu dann auch Europa gehörte. Die Neuorientierung soll zu besserer Qualität und einer veränderten Wertschätzung von Geschmacksrichtungen geführt haben.

Wer in einem georgischen Lokal, in dem mehr als der Hauswein zur Verfügung steht, nach einem trockenen Rotwein fragt, bekommt in der Regel einen Saperavi-Wein angeboten. Die Saperavi-Traube stammt aus Kachetien im Osten Georgiens, ist heute aber in allen Weinbauländern des ehemaligen Ostblocks verbreitet. Der Geschmack variiert, wie immer, von Weingut zu Weingut, von kräftig und schwer wie manche spanischen Rotweine bis hin zu säuerlich und filigran. Halbtrockene Weine sollte man besser erst in kleiner Menge probieren, zu den lieblichen liegen keine Erfahrungswerte vor.