Notizen aus Ouagadougou

Der Staub hängt über allem, in der Dämmerung, wenn die Sonne schräg auf die trüben Schleier fällt, wird er sichtbar, aber vielleicht ist es auch der Feierabendverkehr, wenn tausende Roller durch die Stadt schwärmen, die Dunstglocke anreichern und beim Holpern über die Buckelpisten der Nebenstraßen zusätzlich Staub aufwirbeln. Asphaltiert sind in Ouaga nur die Durchgangs- und Verbindungsstraßen. der große Rest zeigt die rote Erde ungepflastert.

Stadt im Staub

Hier versagt nicht die Kamera und es herrscht auch kein NebelAutotüren oder -klappen sollte man deshalb nur mit Sicherheitsabstand zuwerfen, Früchte vom Baum nur mit ausgestrecktem Arm pflücken, Wäsche über Nacht nicht draußen hängen lassen und das Mobiliar draußen vor dem Setzen immer erst abwischen. Die häufig vollkommen zerkratzten Bildschirme der Mobiltelefone, auf denen kaum mehr etwas zu erkennen ist, machen die verschwitzten Finger deutlich, die den Staub sammeln und damit über das Glas schaben. Womöglich ist es richtig, beim Rollerfahren einen Atemschutz vor Mund und Nase zu tragen.

In Ouaga finden sich auch im Zentrum immer wieder große Freiflächen, die Wohnviertel liegen eher in einem Ring ums Zentrum.Wahrscheinlich würde es der Stadt schon helfen, wenn die Straßen weitgehend asphaltiert würden, so wie es in Ouaga 2000 der Fall ist, dem Viertel, wo die Garagen etwas größer ausfallen, weil zwei, drei oder mehr Autos untergebracht werden müssen. Aber da Geld knapp ist und Regen selten fällt, hat es mit einer Teerdecke auf den Straßen wohl keine Eile.

Dabei beginnt im Dezember erst die Trockenzeit. Trockenzeit meint dabei nicht einfach ein Ausbleiben von Regen, sondern bedeutet vor allem einen unmittelbar spürbaren Rückgang der Luftfeuchtigkeit, der sich zuerst durch trockene Lippen bemerkbar macht, aber - je nach Möglichkeit zu Vorsorge und Pflege - auch zu regelrechten Trockenrissen in der Haut führen kann. Der in der Trockenzeit vorherrschende Wind aus Nordost, der noch zusätzlich Sand und Staub aus der Sahara heran trägt, verschärft das Problem.

Onkel, Mutter, Bruder

In Ouaga gibt es mehr Onkel als in Entenhausen. Das hängt nicht nur mit den großen Familien zusammen, sondern auch damit, dass Verwandschaftsbezeichnungen im privaten Umgang eine Rolle spielen, um das jeweilige Verhältnis zueinander zu charakterisieren. Wenn jemand eine Frau als seine "Mutter" vorstellt, handelt es sich dabei eher um eine Bezeichnung der Wertschätzung und des Respekts als um eine familiäre Beziehung. Und für "mon frère" (mein Bruder) reicht es meistens schon, wenn zwei Leute aus demselben Ort stammen,

Namen

Dagegen könnte die Namensvielfalt durchaus mit den großen Familien zusammen hängen - wer möchte schon gleich drei Leute aufspringen sehen, wenn nach Pierre oder Michel gerufen wird (beide Namen sind mir in Ouaga nicht begegnet). Während Nachnamen durchaus wiederholt auftauchen (vor allem Ouedraogo, Kaboré oder Traoré) wirken die Vornamen sehr ausgesucht: Das reicht von Anicet, Arnaud, Augustin über Jules, Louis und Maxime bis zu Yves und Zephirin (bei den Frauen sieht es genauso aus: Claire, Geraldine, Ines, Monique, Sandrine, Valentine). Und das bezieht sich nur auf die französischen Namen, die lokalen Sprachen und die islamische Tradition bieten weitere Quellen.

Haare

Die Friseurin klebt hier das Kunsthaar Strähne für Strähne unter das natürliche Haar, am Ende schneidet sie es zur Frisur.Was die Männer an in Burkina Faso an Phantasielosigkeit aufbringen, wenn es um den Haarschnitt geht, erinnert an die Macho-Kultur in Osteuropa: Kahlschlag. Die Frauen halten dagegen: Im einfachsten Fall mit Zöpfen, die etwa bei den Mädchen das widerspenstige Haar in fünf Stacheln zusammen drehen, die dann in verschiedenen Richtungen vom Kopf abstehen. Die zweitschnellste Lösung ist die Perücke, die das zu schmalen Zöpfen an die Kopfhaut gelegte Haar bedeckt. Darüber hinaus ist alles erlaubt, was dem Fahrtwind des Rollers standhält. Das Haar wird gedreht, gewunden, getürmt, es wird gelegt, gefönt, geklebt, es wird geknotet, geflochten, genäht. Friseurtermine von fünf Stunden sind keine Seltenheit, und die Damen, die den Laden, wenn sie kein Kopftuch tragen, etwas zerzaust wirkend betreten, kommen mit Kopfschmuck wieder heraus. Ein Trend lässt sich dabei nicht ausmachen, Rasta-lange eingeflochtene Zöpfe sind genauso beliebt wie Kurzhaarperücken mit Anklang an die 60er Jahre. Einzig Bienenkorbfrisuren fehlen im Straßenbild, aber das könnte, wie gesagt, auf die Roller zurückzuführen sein.

Taxi

Das war einmal ein Auto - jetzt ist der Toyota zu einem Grünen Taxi mutiert; die Tarife sind allerdings günstig.Grüne Taxis: Es gibt sie als Vertrauen erweckende Frischlinge auf den Straßen von Ouagadougou und nur ein Gummiband über dem Kofferraum verweist auf den bevor stehenden Verfall. Doch die meisten Grünen rollen kreuz und quer durch die Stadt in den verschiedensten Abstufungen der Verwahrlosung bis hin zur endgültigen Verwandlung in einen automobilen Zombie. Grüne Taxis transportieren alles: Aus dem Kofferraum ragt ein Fahrrad, auf dem Dach stapeln sich Matratzen gekrönt von einem Korb mit lebendem Geflügel. Wenn es nötig ist, legen sie auch gusseiserne Tore einfach ungesichert aufs Dach. Da sie aber durch die Stadt gondeln und nicht querfeldein durch den Busch rumpeln, bleiben die Fragen, wie es zu dem rundum weichgeklopften Blech kommt, was für Schwaden der Motor absondert und warum und ob der Fahrer durch das Spinnennetz aus gesplittertem Glas noch etwas sehen kann.