Notizen aus Budapest

Budapest ruft mit seinen prunkvollen, wuchtigen Bauten an vielen Stellen die Erinnerung an andere europäische Großstädte wie Berlin oder Paris wach. Es fällt schwer, den Finger auf die Unterschiede zu legen.

Eine Reihe von Kleinigkeiten, die ungewohnt erscheinen, fallen sofort ins Auge: Die Hälfte der Busse fährt als Trolley mit Strom, viele Häuser, auch in der Nähe des Zentrums machen einen baufälligen Eindruck. Zudem haben die Straßen etwas tiefere Löcher als anderswo, weshalb die meisten Leute einen Sicherheitsabstand zum Kantstein wahren, wenn der Regen die Löcher gefüllt hat.

Doch am Samstag nachmittag unterscheidet sich der Szabadság-Platz nicht von seinen Pendants anderswo in Europa: Rollschuhläufer ziehen vorbei, Familien führen die Kinder aus, alte Damen ihre Schoßtiere, junge Leute einander. Auf dem Rasen wird das Picknick ausgepackt, ein Frisbee segelt knapp über die Köpfe hinweg, und Hunde versuchen, Kindern deren Ball abzujagen. Da auch die Kleidung der gängigen Freizeitmode folgt, muss man schon einen Blick auf die Karte werfen, um sich zu vergewissern, in Budapest zu sein.

Regenschwangere Wolken über BudapestErst mit den aufziehenden Wolken kommt die Einsicht, worin sich Budapest von anderen Metropolen unterscheidet; es ist die Abhängigkeit vom Licht. Da vielen Gebäuden die Farbe fehlt, und einige verlassen und dem Verfall preis gegeben sind, bestimmt vor allem die Sonne die Atmosphäre. Im Sonnenschein wirken die Häuser malerisch, auch solche, deren Fassade, ähnlich wie etwa in Ost-Berlin nach der Wende, noch von Einschusslöchern zersiebt ist. Und der Verfall einzelner Bauten wirkt eher wie ein Memento mori in dem vorherrschenden Streben nach Monumentalem.

Sobald aber eine finstere Regenwolke die Sonne verdrängt, oder die Dämmerung anbricht, verändert sich die Stimmung. In den Häusern fehlt nicht nur das Licht, es fangen auch dunkle Löcher an zu gähnen und die mit der zurückhaltenderen Beleuchtung wachsenden Schatten bringen die Zweifel zum Nagen, ob man wirklich im richtigen Stadtteil ist.

Andrássy út 60

Eiserner Vorhang vor dem »Haus des Terrors«Mitten auf dem Renommierboulevard Budapests, der Andrássy út, hatten Geheimpolizei und Staatssicherheit ihr Hauptquartier in der Nummer 60 aufgeschlagen. Nach dem Einmarsch der Roten Armee lösten sie die Pfeil-Kreuz-Faschisten ab, die in den 30er Jahren ihre Parteizentrale in ihrem »Haus der Loyalität« untergebracht hatten. Den Machtzuwachs, die der deutsche Überfall auf Ungarn den Pfeilkreuzlern 1944 verschaffte, nutzten sie, um Missliebige zu verfolgen und in den Kellern des Hauses Andrássy 60 zu foltern und hinzurichten. Von 1945 bis zum Ungarn-Aufstand 1956 blieb das Haus die Zentrale der staatlichen Willkür. In den elf Jahren dehnte sich die Behörde allerdings über den ganzen Block aus, samt einem Netzwerk von Kellern darunter.

Heute ist in der Nummer 60 »Haus des Terrors« untergebracht, dass sich mit den Opfern der Willkür seit 1944 befasst. Dabei erzählt das Museum nicht nur die sich nahtlos fortsetzende Geschichte des Hauses, sondern liefert vielleicht auch einen Grund für den fließenden Übergang. Demnach hatte die Kommunistische Partei Ungarns in der Zeit des Übergangs schlicht zu wenig Mitglieder, um die ihr von der Sowjetunion zugedachte Rolle ausfüllen zu können. Mit der neuen Macht im Rücken hatten die Kommunisten aber Zugriff auf die Mitgliederlisten der Pfeilkreuzler und pressten deren Mitglieder, vorausgesetzt sie waren unauffällig geblieben, in die eigenen Reihen.

Im Untergeschoss dokumentiert das Museum, wer als Offizier oder Funktionär an der Unterdrückung beteiligt war. Die staatstragenden Elemente sind mit Foto und Namen ausgestellt.

Lego

Im Museum für Moderne Kunst hängen in einer laufenden Ausstellung Pappkartons in der Machart von Lego an der Wand. Zbigniew Libera hat auf den Kartons, anstatt Bausätze für die bunte Welt der Ritter oder der Sternenkrieger abzudrucken, ein Konzentrationslager entworfen, komplett mit grauen Baracken, grauen Wachtürmen, doppelt gezogenen Zäunen und schwarz Uniformierten, die Gerippe bewachen. An die Erweiterungen hat er ebenfalls gedacht: Krematorium, Praxis Dr. Mengele, Galgen und Lagerkommandant.

Tipps

Szabadság-BrückeDa demnächst noch andere nach Budapest fahren wollen, hier ein paar Tipps, damit es mit dem Szendvics zur Stärkung im Kávéház vor dem Besuch im Antikvarium auch klappt:

Ausgehen lohnt sich abends in den Straßen entlang der Wesselényi. Wenn es weniger studentisches Publikum sein soll, auf gleicher Höhe jenseits der Andrássy probieren.

Der öffentliche Nahverkehr funktioniert hervorragend. Busse, Straßenbahnen, U-Bahnen fahren regelmäßig. Da eine Fahrt schon 320 Ft kostet, ist ein 7-Tage-Ticket für 4600 Ft (in den Metro-Stationen erhältlich) empfehlenswert. (Keine Euro-Angaben, da der Wechselkurs stark schwankt).

Die Touristenbüros halten ausreichend übersichtliche Stadtpläne vor, die auch die Bus-, Metro- und Straßenbahnlinien verzeichnen.

Unbedingt mal mit der Metro 1 fahren. Es ist die zweitälteste U-Bahn-Linie Europas (nach London) und verläuft gerade eben unter der Andrássy – die Autos fahren im Prinzip auf dem U-Bahn-Deckel.

In den Bussen signalisieren die grünen Knöpfe »bitte anhalten«, an die roten habe ich mich nicht herangetraut. Vielleicht ist ja jemand weniger hasenfüßig.

Die Markthalle am Ende der Váci utca (Richtung Szabadság-Brücke) ist sehenswert (die Straße selbst ist nur eine öde Touristenmeile). Die Halle sieht von außen aus wie ein Bahnhof und mittendrin backen sie auch Strudel meterweise und verkaufen ihn noch warm.

Die seltsame lautmalerische Umschreibung Kávéház für Kaffeehaus kann man sich vielleicht erklären, wenn man die Vokale so breit tritt, wie die Akzente es verlangen, und das Wort dann mit österreichisch trägem Singsang versieht: Kaaweehaas.