Eisenbahngeschichten

Mit dem Zug zu fahren. dürfte in Südosteuropa die schnellste, günstigste und unspektakulärste Art des Reisens sein. Aber die serbische Eisenbahn hält besondere Herausforderungen bereit, und dann gibt es noch Versteckspiele mit Zöllnern.

Novi Sad - Belgrad: hinten offen

Am Ende des Zuges: Von Novi Sad nach BelgradDer Zug von Novi Sad nach Belgrad rollt, aus Subotica im Norden kommend, mit drei Waggons im Bahnhof ein. Auf dem Bahnsteig drängen sich aber bereits mehr Leute als überhaupt Sitzplätze zur Verfügung stehen. Die Gewitzten unter den Reisewilligen springen daher, kurz bevor der Zug kommt, vom Bahnsteig und bauen sich auf der anderen Seite des Gleises auf, um von dort in den Zug zu klettern und einen der letzten Plätze zu ergattern.

Etwas unbeweglich mit dem Rucksack auf dem Rücken, vertraue ich der Menge, denn nirgendwo am Zug steht, wo er hinfährt, und steige hinten im letzten Wagen ein. So habe ich Gelegenheit Eisenbahner mit langstieligen Hämmern um den Zug schwärmen zu sehen (wie sie es bei längeren Stopps dann immer machen werden). Es sieht aus als wollten sie nachsehen, ob auch alle Räder zusammen mit den Waggons eingetroffen sind, doch mit den beinlangen Hämmern scheinen sie vor allem, mal mit einem dumpfen, mal mit einem klingenden Schlag, die Bremsblätter zu lösen. Manch einer bleibt auch stehen und wiegt weise den Kopf, wenn er den Schlauch begutachtet, der da ins Fahrwerk führt.

Am Ende des Zuges: Von Novi Sad nach Belgrad 2Für die Fahrt nach Belgrad lässt sich der Zug, wie hierzulande üblich, viel Zeit, denn das Schienennetz in Serbien müsste dringend erneuert werden. Da ich aber das erste Mal hinten offen fahren kann, weil die Schiebetür je nach Kurvenlage auf- und zuschwingt, bleibt Zeit für einige nicht alltägliche Fotos.

Niš - Sofia: missglückt

Der Zug von Niš nach Sofia soll mittags um 12.35 Uhr fahren, doch statt dessen ertönt eine Durchsage in der das Wort »Istanbul« (die Endstation für den Zug) fällt, dazu ein Zahlwort und »Minuta«. Also muss man mit x Minuten Verspätung rechnen. Eine Dreiviertelstunde später läuft der Zug ein, dieses Mal mit sieben Waggons und ich habe keine Mühe, im vierten Wagen einen Platz zu finden. Bereits kurz nach der Abfahrt fordert der Schaffner das Ticket ein. Er überfliegt es, den Stift zur Signatur bereit, stutzt, und zeigt sich bestürzt: »Sofia?« Nein, nein, er schüttelt den Kopf und winkt mich nach hinten ans Ende des Wagens, wo durch die Scheiben der geschlossenen Tür einmal mehr Gleise zu sehen sind. Dieser Zug führe nach Thessaloniki, der in Niš abgehängte Rest war für Sofia bestimmt. Ich solle beim nächsten Halt aussteigen und zurückfahren.

Während ich mit Blick auf die sich abspulenden Schwellen auf den nächsten Halt warte, schiebt ein sportlicher Herr sein Rennrad heran, das er hier am Ende des Zuges verstauen soll. Er erkundigt sich auf englisch, warum ich nicht Platz nähme und ich berichte von meinem Missgeschick. Wir beratschlagen die Möglichkeiten, und er hält es nicht für sinnvoll nach Skopje, der Hauptstadt Mazedoniens, weiter zu fahren. Der Zug von dort nach Sofia führe ohnehin über Niš zurück und von einer Busverbindung wisse er nichts.

Am Anfang des Zuges: Von Doljevac nach NišAlso steige ich beim ersten Halt in Doljevac aus, wo man die Reisenden mit den hängenden Mundwinkeln bereits kennt, ich wolle wohl nach Sofia und der Zug wurde geteilt. Sie lächeln bedauernd und mit einer Geste um die Uhr zeigen sie, der nächst Zug fahre in einer Stunde. Im kleinen Wartesaal liegt eine alte Frau leise schnarchend auf der Bank, ein Ehepaar unterhält sich flüsternd und der kurze Blick in den Ort erklärt ihre Untätigkeit. Um 15.30 Uhr bin ich dann ohne Zwischenfall (der Zug hat nur einen Waggon) wieder im Zentrum Südserbiens und habe Zeit bis 2.20 Uhr, wenn der Nachtzug aus Belgrad zum Losklopfen der Bremsen halt macht.

Niš - Sofia: Versteckspiel

Anmerkungen zur Fahrt sind überflüssig, aber »mögest du mit der serbischen Eisenbahn fahren« kann als akzeptable Verfluchung gelten.

Bahnhof in NišDie Ereignisse im serbischen Dimitrovgrad (es klangen die Hämmer) an der Grenze zu Bulgarien entschädigten allerdings. Hier verließen viele Fahrgäste aus Serbien den Zug und wurden im Nu durch Bulgaren ersetzt. In meinem Abteil nahmen neben zwei mit Plastiktüten bepackten älteren Damen und einem weißhaarigen Filou zwei alte Flintenweiber Platz. Die eine hätte mit ihren hängenden Wangen und der großen Brille, über die immer wieder die dunkelroten Haare fielen, noch als von ihren Enkeln überforderte Großmutter durchgehen können, doch die andere machte es mit ihrem kantigen Gesicht, dem rund um den Mund sprießenden Bart und den harten Augen schwer, ihr Wohlwollen entgegen zu bringen.

Nachdem die adrette Grenzpolizistin meinen Pass akkurat gestempelt hatte, stapfte ein serbischer Zöllner mit Stoppelschnitt durch den Gang und führte methodisch Verstecke vor, in denen sich Schmuggelware hätte befinden können. Er klopfte die Panele ab, klappte die Leitungsabdeckungen auf, zog einen Schraubenzieher aus dem Holster und öffnete den Versorgungsschacht und was er nicht einsehen konnte, fotografierte er mit einer Digitalkamera, das Foto auf dem Schirm sofort überprüfend.

Kaum war der der Zöllner vorbei, verfielen die beiden Schrappnells in Hektik, rauften Plastiktüten aus Plastiktüten und zogen schließlich in schwarzes Zellophan eingehüllte Stangen (in der Größe von Zigarettenstangen) hervor. Die Bärtige wuselte hinaus und hinein ins Abteil und brachte von einem ihrer Ausflüge schließlich einen Vierkantschlüssel mit, sackte weitere Tüten von der erschöpften Großmutter ein und verstaute das Zeug vermutlich hinter irgendeiner Wand oder Tür womöglich in der Toilette.

Sobald beide Drachen ausgeflogen waren, eröffnete der Filou das Gespräch mit den beiden Damen, die ihre Plastiktüten vorsorglich umklammert hielten, mit einem herablassenden Scherz über die Schieberinnen. Damit hatte er unmittelbar Erfolg, denn die beiden schienen nur auf eine Gelegenheit gewartet zu haben, endlich zu ratschen. Besonders ernst nahm das Geschehen aber keiner der drei.

Zuletzt hatten die beiden Hexen noch vier Stangen übrig und holten sich Hilfe beim großgewachsenen, gewichtigen und unangenehm jungenhaft wirkenden Leiter ihrer Operation. Der wollte die Stangen hinter die Leitungsabdeckung klemmen, aber die Warnung der Bärtigen war eindeutig: »Nicht da, nicht da, da hat er nachgesehen!« Also nutzte er seine Größe und stopfte, weit hineinlangend mit dem Arm, zwei Stangen in den Lüftungsschacht im Abteil. Die anderen Stangen, bedeutete er den beiden, sollten sie einfach in ihren ausladenden Röcken verstecken.

Daraufhin gaben die Alten zwar endlich Ruhe, aber ihre Nervosität, während die bulgarischen Grenzer die Pässe kontrollierten, war unübersehbar. Sie erwies sich als unnötig, denn der bulgarische Zollbeamte hatte nicht die Absicht ähnlich gründlich vorzugehen, wie sein serbischer Kollege, er scherzte lieber mit den Fahrgästen und schaukelte lachend seinen Bauch durch den Gang.

Zehn Minuten später konnte der beleibte Junge mit den alles abschätzenden Augen die Stangen nur mit einiger Mühe wieder hervorholen, so gut hatte er sie versteckt. Und die beiden Alten sammelten, sichtlich erleichtert, die übrige Konterbande ein und stritten noch ein wenig, wem was zustand.

Kommentare

Köstlich!

Danke für die bisher schönste Geschichte :-)